Die häufigsten Irrtümer über Legasthenie
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Die häufigsten Irrtümer über Legasthenie

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Kaum eine Lernschwierigkeit ist von so vielen Halbwahrheiten umgeben wie die Legasthenie. Das ist nicht harmlos: Falsche Annahmen führen dazu, dass Kinder zu spät Hilfe bekommen – oder sich selbst für unbegabt halten. Hier sind die acht hartnäckigsten Irrtümer und was wirklich dahintersteckt.

Wer über Legasthenie redet, hört oft dieselben Sätze – im Lehrerzimmer, am Familientisch, im Eltern-Chat. Manche klingen plausibel, sind aber schlicht falsch. Das ist nicht harmlos. Falsche Annahmen verzögern Hilfe, und Kinder, die ständig schiefe Erklärungen hören, fangen irgendwann an, sie zu glauben. Acht Mythen, die wir hier geradeziehen.

01„Legasthenie ist nur eine Ausrede für Faulheit.“

Richtig ist: Kaum jemand strengt sich so an wie ein Kind mit Legasthenie. Es liest und schreibt täglich gegen einen Widerstand an, den Gleichaltrige gar nicht kennen. Legasthenie hat neurobiologische Ursachen – die Verarbeitung von Sprache und Schrift im Gehirn verläuft anders. Mit Wollen oder Nicht-Wollen hat das nichts zu tun. Wer einem Kind mit Legasthenie Faulheit vorwirft, straft es ausgerechnet für das, was es am meisten leistet: weiter zu machen.

02„Wer Legasthenie hat, ist weniger intelligent.“

Richtig ist: Legasthenie tritt unabhängig von der Intelligenz auf. Sie betrifft gezielt das Lesen und Rechtschreiben – nicht das Denken, das Verstehen oder die Kreativität. Viele betroffene Kinder und Erwachsene sind durchschnittlich oder überdurchschnittlich begabt. Gerade die Lücke zwischen starker mündlicher und schwacher schriftlicher Leistung ist typisch.

03„Legasthenie heißt einfach, dass man Buchstaben verdreht.“

Richtig ist: Das Vertauschen ähnlicher Buchstaben wie b und d ist nur ein mögliches Anzeichen unter vielen – und es ist kein Sehproblem. Im Kern geht es um die Verarbeitung von Sprachlauten: Es fällt schwer, Wörter in einzelne Laute zu zerlegen und Lauten verlässlich Buchstaben zuzuordnen. „b und d“ ist also nur das, was an der Oberfläche auffällt – nicht die eigentliche Schwierigkeit.

04„Das verwächst sich bis zum Erwachsenenalter.“

Richtig ist: Eine Legasthenie bleibt grundsätzlich bestehen. Was sich ändert, ist der Umgang damit: Mit guter Förderung und passenden Strategien lernen Betroffene, ihre Schwierigkeiten auszugleichen. Viele Erwachsene haben das so gut kompensiert, dass es kaum auffällt – verschwunden ist die Veranlagung deshalb nicht. „Abwarten“ ist also keine Strategie.

05„Die Eltern sind schuld – es wurde zu wenig vorgelesen.“

Richtig ist: Legasthenie entsteht nicht durch Erziehung. Sie hat neurobiologische Ursachen und tritt familiär gehäuft auf – eine Veranlagung, keine Folge von zu wenig Förderung. Vorlesen und eine reiche Sprachumgebung tun jedem Kind gut – sie sind aber weder die Ursache einer Legasthenie noch ihre Lösung. Eltern, die sich Vorwürfe machen, suchen an der falschen Stelle.

06„Mehr Üben löst das Problem von allein.“

Richtig ist: Menge allein hilft wenig – manchmal schadet sie sogar, weil sie Frust aufbaut. Was hilft, ist eine strukturierte Förderung: kleine Schritte, klare Erklärungen, viele Wiederholungen – und alles am richtigen Punkt angesetzt. Stundenlanges Diktatüben ohne Plan ermüdet, ohne wirklich etwas zu bewegen.

07„Eine bestimmte Unterrichtsmethode verursacht Legasthenie.“

Richtig ist: Über einzelne Methoden wird viel gestritten – etwa über das anfängliche Schreiben nach Gehör. Eine Legasthenie verursacht aber keine Unterrichtsmethode; die Veranlagung ist vorher da. Methoden entscheiden allenfalls darüber, wie früh Schwierigkeiten auffallen und wie gut ein Kind zurechtkommt. Wer den einen „Schuldigen“ sucht, sucht in die falsche Richtung.

08„Mit dem richtigen Programm ist Legasthenie schnell geheilt.“

Richtig ist: Seien Sie hellhörig bei Versprechen wie „in wenigen Wochen verschwunden“. Legasthenie lässt sich nicht im Schnelldurchlauf „heilen“. Seriöse Förderung braucht Zeit, ist auf das einzelne Kind zugeschnitten und macht keine Heilsversprechen. Realistisch ist nicht das schnelle Verschwinden, sondern ein deutlich besserer Umgang mit Schrift – über Wochen und Monate hinweg.

Worauf es ankommtHinter den meisten dieser Irrtümer steckt derselbe Denkfehler: Eine ganz konkrete Schwierigkeit beim Lesen und Schreiben wird zu einer Eigenschaft des ganzen Menschen erklärt. Wer das auseinanderhält – im Gespräch mit dem Kind, in der Schule, mit sich selbst – nimmt einen Großteil der Last weg.

09Häufige Fragen

Sind Jungen häufiger von Legasthenie betroffen als Mädchen?

In Studien werden Jungen etwas häufiger diagnostiziert. Fachleute gehen davon aus, dass Mädchen seltener auffallen, weil sie Schwierigkeiten oft stiller kompensieren. Die Veranlagung selbst betrifft beide Geschlechter.

Ist Legasthenie dasselbe wie eine Leseschwäche?

Die Begriffe werden im Alltag oft vermischt. Fachlich meint Legasthenie beziehungsweise LRS eine umschriebene Störung mit neurobiologischer Grundlage. Der Begriff Leseschwäche wird teils auch für vorübergehende Schwierigkeiten anderer Ursache verwendet. Klarheit bringt nur eine fachliche Abklärung.

Kann man Legasthenie auch im Erwachsenenalter noch feststellen?

Ja. Auch Erwachsene können sich abklären lassen, etwa in psychologischen oder psychotherapeutischen Praxen mit entsprechendem Schwerpunkt. Eine Diagnose kann unter anderem für einen Nachteilsausgleich in Ausbildung, Studium oder Prüfungen wichtig sein.

HinweisDieser Beitrag dient der Information und Orientierung. Er ersetzt keine fachliche Diagnostik oder Beratung. Bei einem Verdacht auf Legasthenie wenden Sie sich bitte an eine qualifizierte Fachstelle.

IJ

Igor Jourist

Redaktion JOURIST Reader · Thema Lesen & Teilhabe

Wir bereiten Wissen rund um Legasthenie und Leseschwäche verständlich auf – damit Eltern, Lehrkräfte und Betroffene gut informierte Entscheidungen treffen können.

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