Selbstwert stärken bei Legasthenie
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Selbstwert stärken bei Legasthenie

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Eine Legasthenie betrifft das Lesen und Schreiben – aber sie bleibt selten dabei stehen. Wenn etwas täglich schwerfällt, kann das am Selbstbild eines Kindes zehren. Die gute Nachricht: Eltern und Umfeld können viel dafür tun, dass ein Kind sich wieder als stark erlebt.

01Wenn Lesen zur Frage des Selbstwerts wird

Kinder vergleichen sich. Spätestens in der Schule merken sie genau, was den anderen leichtfällt und was ihnen selbst Mühe macht. Wenn ausgerechnet das Lesen – etwas, das im Schulalltag ständig gebraucht wird – immer wieder schwerfällt, bleibt das selten ohne Wirkung auf das Selbstbild.

Viele Kinder mit Legasthenie ziehen aus dieser täglichen Erfahrung einen falschen Schluss: nicht „Lesen fällt mir schwer“, sondern „Ich bin dumm“. Dieser Schluss ist nachvollziehbar – und er ist falsch. Genau hier können Eltern ansetzen.

02Wie emotionale Belastungen entstehen

Eine seelische Belastung entsteht meist nicht durch ein einzelnes Erlebnis, sondern durch viele kleine. Die rote Korrektur unter dem Aufsatz. Das Stocken beim Vorlesen vor der Klasse. Das Gefühl, sich doppelt so anzustrengen und trotzdem hinterherzuhinken.

Über die Zeit kann daraus ein Kreislauf werden: Misserfolge nähren Zweifel, Zweifel führen zu Vermeidung, Vermeidung verhindert Erfolgserlebnisse – und bestätigt scheinbar den Zweifel. Diesen Kreislauf zu kennen, hilft, ihn zu durchbrechen. Denn an mehreren Stellen lässt er sich aufhalten.

WichtigNicht jedes Kind mit Legasthenie entwickelt eine seelische Belastung. Viele kommen mit guter Unterstützung stabil durch die Schulzeit. Es lohnt sich aber, aufmerksam zu sein – früh wahrgenommen, lässt sich gut gegensteuern.

03Woran Eltern eine Belastung erkennen können

Seelische Belastungen zeigen sich nicht immer offen. Manche Kinder werden still, andere laut. Die folgenden Hinweise sind kein Grund zur Sorge, sondern eine Einladung, genauer hinzuschauen und das Gespräch zu suchen:

Mögliche Hinweise

Worauf Sie achten können

  • Abwertende Sätze über sich selbst wie „Ich bin zu dumm dafür“.
  • Wachsender Widerwille gegen Schule, Hausaufgaben oder das Lesen.
  • Körperliche Beschwerden ohne klaren Anlass, etwa Bauch- oder Kopfschmerzen vor der Schule.
  • Rückzug von Freunden oder von Aktivitäten, die früher Freude gemacht haben.
  • Die Rolle des „Klassenclowns“ oder Verhalten, das vom eigentlichen Thema ablenkt.
  • Ungewohnte Gereiztheit, Traurigkeit oder Anspannung über längere Zeit.

Solche Hinweise bedeuten nicht automatisch eine ernste Krise. Wenn sie aber häufiger auftreten oder länger anhalten, sollten Sie sie ernst nehmen – und sich Unterstützung holen.

04Was im Alltag hilft

Der Selbstwert eines Kindes wächst nicht durch große Gesten, sondern durch viele kleine, verlässliche Erfahrungen. Diese Ansätze haben sich bewährt:

Wert und Leistung trennen

Machen Sie immer wieder deutlich: Wie gut jemand liest, sagt nichts über seinen Wert als Mensch. Ein Kind soll spüren, dass Ihre Zuneigung nicht von Noten abhängt.

Anstrengung sehen, nicht nur Ergebnisse

Ein Kind mit Legasthenie leistet beim Lesen oft mehr als andere – auch wenn das Ergebnis das nicht zeigt. Würdigen Sie genau diese Anstrengung.

Stärken sichtbar machen

Sorgen Sie für Bereiche, in denen Ihr Kind erfolgreich ist und Anerkennung erfährt – Sport, Musik, Technik, der Umgang mit Tieren. Solche Inseln tragen viel.

Offen und sachlich erklären

Erklären Sie Ihrem Kind altersgerecht, was eine Legasthenie ist: kein Makel und kein Zeichen von Dummheit, sondern eine andere Art, wie das Gehirn mit Schrift umgeht. Wissen nimmt Scham.

05Die Rolle von Schule und Umfeld

Ein Kind verbringt einen großen Teil seines Tages in der Schule – entsprechend wichtig ist, dass es auch dort verstanden wird. Suchen Sie das Gespräch mit den Lehrkräften: Ein Kind, dessen Legasthenie anerkannt ist und das einen Nachteilsausgleich erhält, erlebt deutlich weniger unnötige Misserfolge.

Auch im weiteren Umfeld hilft ein offener, unaufgeregter Umgang. Wenn Familie, Großeltern und Freundeskreis die Legasthenie als das behandeln, was sie ist – eine Lernbesonderheit, kein Tabu –, nimmt das dem Kind Druck. Niemand soll sich für etwas schämen müssen, für das er nichts kann.

Stimme aus der Praxis«Dadurch werden betroffene Kinder weniger stigmatisiert. Sie müssen in Probensituationen nicht mehr in andere Räumlichkeiten gebracht werden, damit ihnen dort die Texte vorgelesen werden können. Sie erfahren Normalität und ein Zugehörigkeitsgefühl.»

— Claudia Bierling, Diplom-Legasthenietrainerin (Murnau). Quelle: News4teachers, Comenius-EduMedia-Award für den JOURIST Reader, 12. Juni 2024.

06Wann zusätzliche Unterstützung sinnvoll ist

Manchmal reichen Zuwendung und gute Förderung im Alltag nicht aus – und das ist kein Versagen, weder des Kindes noch der Eltern. Wenn ein Kind über längere Zeit stark leidet, sich anhaltend zurückzieht, große Ängste entwickelt oder den Mut ganz zu verlieren scheint, ist professionelle Unterstützung der richtige Schritt.

Anlaufstellen sind zum Beispiel der schulpsychologische Dienst, Beratungsstellen für Familien sowie kinder- und jugendpsychotherapeutische Praxen. Sich frühzeitig Hilfe zu holen, ist ein Zeichen von Fürsorge – je eher, desto besser lässt sich ein Kind auffangen.

Sie sind nicht alleinWenn Sie sich Sorgen um die seelische Verfassung Ihres Kindes machen, warten Sie nicht zu lange mit dem Gespräch – mit Ihrem Kind, mit der Schule und, wenn nötig, mit einer Fachstelle. Unterstützung anzunehmen entlastet die ganze Familie.

07Erfolgserlebnisse möglich machen

Selbstvertrauen wächst mit dem Erleben „Ich kann das“. Hilfsmittel können dabei helfen, indem sie unnötige Misserfolge verringern: Wenn das Entziffern leichter fällt, gelingen Aufgaben, die vorher entmutigt haben – und das Kind erlebt sich wieder als wirksam.

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08Häufige Fragen

Bekommt jedes Kind mit Legasthenie seelische Probleme?

Nein. Viele Kinder kommen mit guter Unterstützung stabil durch die Schulzeit. Eine Legasthenie kann aber am Selbstvertrauen zehren – deshalb lohnt es sich, aufmerksam zu sein und früh gegenzusteuern.

Mein Kind sagt, es sei „dumm“. Wie reagiere ich?

Nehmen Sie die Aussage ernst, ohne sie zu bestätigen. Erklären Sie ruhig, dass Legasthenie nichts mit Intelligenz zu tun hat, und machen Sie die Stärken Ihres Kindes sichtbar. Hält die Selbstabwertung an, suchen Sie fachliche Unterstützung.

Hilft Lob, das Selbstvertrauen zu stärken?

Ja – wenn es echt und konkret ist. Würdigen Sie vor allem die Anstrengung und konkrete Fortschritte. Pauschales Lob wirkt weniger als der ehrliche Hinweis, dass Sie gesehen haben, wie hart Ihr Kind gearbeitet hat.

Wann sollten wir professionelle Hilfe in Anspruch nehmen?

Wenn Ihr Kind über längere Zeit stark leidet, sich anhaltend zurückzieht, ausgeprägte Ängste zeigt oder den Mut zu verlieren scheint. Anlaufstellen sind der schulpsychologische Dienst, Familienberatungsstellen und kinder- und jugendpsychotherapeutische Praxen.

HinweisDieser Beitrag dient der Information und Orientierung und ersetzt keine fachliche Beratung, Diagnostik oder Therapie. Wenn Sie sich Sorgen um das seelische Wohlergehen Ihres Kindes machen, wenden Sie sich bitte an eine qualifizierte Fachstelle wie den schulpsychologischen Dienst oder eine kinder- und jugendpsychotherapeutische Praxis.

IJ

Igor Jourist

Redaktion JOURIST Reader · Thema Lesen & Teilhabe

Wir bereiten Wissen rund um Legasthenie und Leseschwäche verständlich auf – damit Eltern, Lehrkräfte und Betroffene gut informierte Entscheidungen treffen können.

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